SERGE ZIEGLER GALERIE


LARRY DEYAB

ANITMPERIALISTAS

Havanna 1998 - Eine Stadt voller Widersprüche, chaotisch-verwahrlost und von unglaublicher Schönheit und Lebensfreude. Die Stadt ist geprägt von einem ungerechten System dualer Währungen, Dollar neben Peso, welches die Bevölkerung in zwei Klassen teilt. Der Zugang zu vielen Gütern des täglichen Bedarfs bleibt allein den Dollar Besitzenden vorbehalten, einer Schicht also, die eindeutig die Minderheit darstellt. Der täglich aufs Neue beschworene Traum vom Sozialismus scheint gemessen an der Realität eindeutig ausgeträumt zu sein. Dennoch ist hier alles anders und der Keim der Utopie bleibt auf unergründliche Weise lebendig. All das präsentiert sich dem in New York lebenden Künstler Larry Deyab bei seinem ersten von mittlerweile vier Aufenthalten in Havanna. Für die Weiterentwicklung seiner Malerei sollte diese Reise Deyabs nach Havanna ebenso bedeutsam sein wie die Ankunft Gaugins in Papété.
Die ersten nach seiner Rückkehr entstandenen Bilder reflektieren und transformieren die in Havanna allgegenwärtigen Parolen und Symbole der Revolution - vor langer Zeit mit billiger Farbe an die Wand gemalte Zeichen, die nun jahrzehntelang der Witterung ausgesetzt wie Palimpseste von den besseren Tagen der Revolution zeugen. Auf grossformatigen Leinwänden bahnen sich Symbole, Zeichen und Buchstaben ihren Weg durch den opaken, leuchtend-roten Malgrund. Verglichen mit den folgenden Arbeiten wirken Bilder wie Galiano oder Siempre Dignos in ihrer abstrahierenden Bildsprache geradezu unschuldig. Bereits einen Schritt weiter geht das 2001 entstandene Bild Crear Dos Viet Nam. Übereinander geschichtete schwarze Grossbuchstaben nehmen fast die gesamte rechte Hälfte der rot grundierten Leinwand ein. Erstmals integriert Deyab entschlüsselbar Sprache in seine Malerei und die Ambivalenz, die dem Slogan Che Guevaras aus den sechziger Jahren in der Gegenwart zukommt, ist verblüffend. Ursprünglich als revolutionäre Aufforderung zum Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus gedacht, gewinnt der Kampfspruch Che Guevaras geradezu prophetische Potenz, kommt in ihm doch genau das Dilemma der amerikanischen Präventivschlag-Doktrin nach dem 11. September 2001 zum Ausdruck. Die bedeutendste Militärmacht der Welt droht, sich in potentiell unzähligen Konflikten zu verzetteln, und erfüllt gewissermassen aus eigenem Antrieb die von Che Guevara herbeigewünschten Bedingungen ihres Niedergangs.
Der politische Auftrag dieser Malerei, ihre Kritik an der arroganten Ignoranz und den Unzumutbarkeiten der Politik der westlichen Welt, tritt in den Spray-Paint-Bildern Deyabs immer deutlicher in den Vordergrund. Bereits das Medium selbst verweist in gewisser Hinsicht auf politische Agitation und die Art und Weise wie der Künstler die Sprühfarbe einsetzt, lässt keinen Zweifel an Motiven und Intentionen dieser Malerei aufkommen. Schnell und präzise werden Symbole, Parolen und Portraits einschlägig bekannter Revolutionäre auf die monochrom grundierten, zumeist kleinformatigen Leinwände aufgesprüht. So entstehen agressive Bilder, die den selbstreferentiellen Diskurs der abstrakten Malerei meilenweit hinter sich lassen – einen Diskurs übrigens, dem Larry Deyab lange Jahre die Treue gehalten hat. Die Malerei riskiert in diesem Bruch einiges - nicht zuletzt ihre eigene Schönheit in einem bewussten Akt auszulöschen. Gleichzeitig kommt ihr in der Abkehr von der Tradition ein hohes Mass an Authentizität und Glaubwürdigkeit zu.
Die in den letzten zwei Jahren entstandenen Bilder reagieren unmittelbar auf eine Welt, die sich im Umbruch zu befinden scheint. In dieser Auseinandersetzung formulieren sie auf ihre Weise eine kompromisslose Ästhetik, die wir dringlicher denn je benötigen – eine Ästhetik des Widerstandes.

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