SERGE ZIEGLER GALERIE

 

Javier Téllez
bounced

5. bis 22. Dezember 2000 und 12. bis 27. Januar 2001

Zentrales Thema im künstlerischen Werk des 31-jährigen Venezolaners Javier Téllez ist der Wahnsinn. "The Ship of Fools", ist eine direkte Anspielung auf Sebastian Brants "Narrenschiff", hiess eine Ausstellung 1997 in Caracas, wo der Künstler mit der Gegenüberstellung von ausgestopften Tieren und dem zeitgenössischen Medium Video eine assoziationsreiche Verbindung zwischen naturhistorischem Museum und Kunstmuseum schuf. Im selben Jahr zeigte Javier Téllez im Museo de Bellas Artes in Caracas eine Ausstellung mit dem Titel "The Cure of Madness", wo er einen "space of madness" (einen Raum des Verrückten) in Szene setzte. Nicht nur erstaunliche formale Parallelen zwischen den beiden Institutionen Museum und Psychiatrische Klinik - zum Beispiel in ihrer architektonischen Anlage - traten dabei zu Tage. Der Kurzschluss des Museums als Ort der Vernunft und der kulturellen Legitimation mit seinem Gegenstück, der Psychiatrischen Klinik als Ort des Verrückten, der Unvernunft, verwies eindringlich auf eine tiefer liegende Grundproblematik, wie sie Michel Foucault in seinen Schriften theoretisch aufgearbeitet hat: Der fast schon neurotische Zwang moderner Gesellschaften, alles vom sogenannt Normalen und Funktionalen abweichendes Verhalten in spezifischen Institutionen auszugrenzen. Gefängnis und Psychiatrische Klinik bilden die Eckpfeiler dieses Prozesses, aber auch moderatere Einrichtungen wie Altersheime dienen dazu, unproduktive oder sozial auffällige Personen dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu entziehen.

In seinen jüngsten Arbeiten wendet sich Javier Téllez von institutionellen Rahmen ab und nähert sich den Subjekten solcher Ausgrenzungen. Im mehreren Videoarbeiten dokumentiert er reale oder inszenierte Situationen mit Patienten der Psychiatrischen Klinik Nirgua in Valencia, Venezuela. Im Video "The Last Supper" sieht man dreizehn Männer an einem langen Tisch im Freien sitzen, wo sie genüsslich essen und trinken, vor allem aber andächtig rauchen. Trotz vereinzelter Party-Attribute wie Spitzhut oder Trillerpfeife, von Feststimmung ist nichts zu spüren. Denn die Männer sind in sich gekehrt und reden nicht miteinander. Kaum scheinen sie die Kamera wahrzunehmen, die sie filmt. Selbst dem leidenschaftlichen Gesang einer Patientin, die ihren Auftritt ganz offensichtlich geniesst, schenken sie keine Beachtung.
Arbeiten wie diese haben Javier Téllez den Vorwurf eingebracht, er benütze die psychiatrischen Patienten für seine künstlerische Arbeit. Tatsächlich aber wird diesen Menschen - wie anderen Minderheiten am Rand der Gesellschaft - die Möglichkeit, sich auszudrücken und darzustellen, meist verwehrt. Und es ist nicht Respekt vor diesen Menschen, der zu diesem unausgesprochenen Bilderverbot führt, sondern die Angst vor dem Anderen. Als Sohn eines Psychiaterpaares hat Javier Téllez von Kind an einen unverkrampften Umgang mit Geisteskranken gehabt. Nicht nur sind sie im Haus seines Vaters, wo dieser eine Praxis hatte, ein- und ausgegangen. Pédro Téllez hat seinen Sohn auch regelmässig in die Klinik mitgenommen, wo er ebenfalls tätig war. Auch als Erwachsener ist dieser Kontakt nicht abgebrochen. Seit Jahren kennt Javier Téllez die Patienten, die in seinen Videos vorkommen, und er besucht sie regelmässig in der Klinik. Bei "The Last Supper" waren sie übrigens aktiv an der Inszenierung beteiligt. Hartnäckig verfolgt der Künstler sein Ziel, die gesellschaftlich errichtete Grenze zwischen "Normalen" und "Verrückten" und die damit verbundenden Ängste und Projektionen abzubauen. Seine ungemein direkten, mitunter fast aggressiv anmutenden Installationen wollen nicht nur ein unsentimentales Bild von Geisteskranken vermitteln, sondern den Betrachter dazu bewegen, sich dem Anderen - auch in ihm selbst - zu stellen und seine eigenen Grenzen zu überschreiten.

 

 

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